Donnerstag, 17. Dezember 2009

Dienstag, 15. September 2009

Dienstag, 30. Juni 2009

Mittsommer ist vorbei, die Nächte sind lang. Zeit für Abenteuer, die Enzo allen erzählen wird


   


     Enzo erzählt von Luigis abenteuerlichem Weg ins Natur- und Katzenhaus


Luigi ist ein Kater, wie ich. Er ist nur viel älter und rot getigert mit weißer Schwanzspitze.
Es geschah vor langer Zeit, da wurden drei kleine Kätzchen in einem Haus geboren, in dem eine Familie mit großen persönlichen Problemen wohnte. Das bedeutete, sie zankten und  schrieen den ganzen Tag und ab und zu schubsten und schlugen sie sich. Das war nicht nur für die Kinder furchtbar, die Katzen litten auch und so machten sie sich auf den Weg ein neues zu Hause zu finden. Zu Dritt marschierten sie los und schon nach kurzer Zeit fanden die beiden langhaarigen wunderschönen  Mädchen eine Ruhe und Zuwendung versprechende Unterkunft. Katerchen  war zu scheu sich den Menschen zu nähern.  Durch einen Fußtritt seines ewig schreienden ausrastenden  Futtergebers war sein Kiefer gebrochen, das Fressen beschwerlich und er konnte sein Maul nicht ganz schließen. Es schmerzte. Kam ein Mensch in seine Nähe, geriet er in Panik und seine Augen sprachen von der Angst vor weiteren Schlägen und Tritten. So wanderte er aus der kleinen Stadt hinaus. Es war Sommer und der Tisch für einen hungrigen Kater in der Feldflur reich gedeckt. Regnete es, fand er in einer kleinen Scheune Unterschlupf, in der schon  andere heimatlose Katzen gestrandet waren und ein freundlicher Mann täglich eine große Schale mit Milch füllte.  Es wurde Oktober, der erste kalte Wind strich über abgeerntete Felder. Katerchen war nun fünf Monate alt und ihm war anzusehen, wie groß und stark er einmal werden würde. In der Hierarchie der Scheunenkatzen stand er noch auf der untersten Ebene, aber das störte ihn nicht. Er dachte nie daran die Scheune und seine Kumpel zu verlassen. Aber es kam anders.
Nicht weit von der Scheune entfernt führte ein Spazierweg vorbei, der täglich von vielen Menschen genutzt wurde, ihre Hunde auszuführen. Die meisten fuhren mit dem Auto vor, öffneten die Tür, ihr Hund sprang heraus und rannte im Sauseschritt am Straßenrand entlang und der Mensch fuhr langsam mit dem Auto hinter ihm her. Hier und da gab es auch Menschen die sich darüber freuten mit ihrem Hund zu rennen, zu toben, Stöcke zu werfen und einfach gemeinsam Spaß zu haben. Und das ist die Stelle an der Katerchens Leben sich ändern sollte.
Luise ging mit ihrem kleinen schon etwas älteren, keiner Rasse zugehörenden mit Katzen und Vögeln aufgewachsenen Hund, einfach ein rundherum netter intelligenter schwarzhaariger Herr mit Namen Blacky, den Weg entlang. Sie nahmen sich viel Zeit. Wie jeden Morgen lief ihre  kleine Katze  Flecki hinter ihnen her, während die alten Kater zu Hause blieben und die Ruhe vor der allzu lebendigen Gefährtin genossen.
Es war ein herrlicher Herbsttag, Sonnenschein verwöhnte die Erde und ihre Bewohner und so liefen das Trio fröhlich immer weiter, bis sie den Bereich der eingezäunten Steinbrüche erreicht hatten.   
Was war das? Blacky spitzte die Ohren, Flecki wurde unruhig und versuchte einen Weg über, unter oder durch den Zaun zu finden und Luise nahm ein klägliches Miauen wahr. Sie war eine tatkräftige Frau, zögerte nicht lange, bat die Tiere am Zaun stehen zu bleiben und kletterte kurz entschlossen darüber. Am Rand des Steinbruchs stehend überschaute sie schnell die Situation, in die sich das kleine rote Katerchen gebracht hatte. Wahrscheinlich auf der Kaninchenjagd war er in den Steinbruch gerutscht, auf einem kleinen Vorsprung zum Stehen gekommen und nun wusste er nicht weiter. Zum Heraufklettern war die Wand zu steil und in die Tiefe wollte er auf keinen Fall. Wusste er doch nicht, dass es an anderer Stelle sogar Wege gab, die den LKWs ermöglichten den Steinbruch zu befahren. Luise sprach beruhigend auf ihn ein. Sie ahnte nicht, dass er keinem Menschen vertraute. Was konnte sie unternehmen, um den kleinen Kerl zu retten. Erst einmal bat sie ihn durchzuhalten. Sie würde ganz bestimmt zurück kommen und ihn aus dieser Falle befreien. Katerchen glaubte nichts, aber die Tiere am Zaun signalisierten ihm Zuversicht.
Bereits am frühen  Nachmittag hatte Luise all die Dinge organisiert, mit deren Hilfe sie glaubte Katerchen zu retten und sie belud ihr Auto mit Seil, Futter und einer Katzenfalle aus dem Tierheim. Ein netter Nachbar, zum Glück war er schon im Ruhestand, unterstützte sie bei der Aktion und wie sich jeder denken kann, sie hatte Erfolg.
Wir wissen nicht wie lange Katerchen schon auf dem Vorsprung saß, dass hatte er vor lauter Schreck selber vergessen und auch in späteren Jahren in Gesprächen mit uns jungen Katzen fiel ihm das nicht mehr ein.
Für uns ist nur wichtig, dass er die Falle betrat, die Luise mit Hilfe des Nachbarn und der Seile auf den Vorsprung herunter ließ. Er hatte soviel Hunger, dass er all sein Misstrauen beim Duft der Köstlichkeiten, die da vor ihm ausgebreitet waren, unterdrückte. Er saß in der Falle, wurde hochgezogen, starb fast vor Angst und beim Versuch ihn aus der Falle in einen Katzenkorb zu setzen biss, kratzte und fauchte er so heftig, dass Luise schnell die Falle schloss und ihn darin sitzen ließ.
Am Abend erwartete sie Gäste. Ihr könnt euch sicher denken, wer das war. Als Renate mit ihrem Mann eintraf hatte Katerchen sich immer noch nicht beruhigt, saß verschüchtert in einer Ecke des langen Käfigs und fraß nun auch nicht mehr. Die beiden sprachen mit ihm, bewunderten seine Schönheit, sein kuscheliges Fell und Katerchen spürte ihr Entsetzen über seinen gebrochenen Kiefer.
Im Laufe des Abends kam das Gespräch immer wieder auf  Luises Rettungsaktion zurück und traurig stellte sie fest, ich kann Katerchen nicht behalten. Ihr Mann war allergisch gegen rote Katzenhaare. Renates Mann winkte ab, wir haben mit unseren Tieren genug. Sie blieb still und Luise wollte am nächsten Morgen Katerchen schweren Herzens samt Falle ins Tierheim bringen. 
Auch das kam anders. Im Tierheim war die  Katzenseuche ausgebrochen und die Leiterin befürchtete, dass unser Katerchen zuwenig Widerstandskraft habe und sich trotz aller Vorsichtsmaßnahmen anstecken würde. Ob Luise ihn nicht behalten könnte, bis die Seuche unter Kontrolle gebracht wäre und Katerchen wieder aufgepäppelt sei. Und so stand wenig später die ratlose Luise vor Renates Haustür, Katerchen inzwischen mit Hilfe der erfahrenen Tierheim-Mitarbeiter und dicken Handschuhen  in einen Katzenkorb umgesetzt.
Warum soll ich es lange ausschmücken, Luigi zog zu Renate und ihrer Familie und der restlichen Katzenbande ein.
Der Begin ihrer gemeinsamen Zeit begann mit Aufregungen. Beim ersten Versuch den Korb zu öffnen verschwand Katerchen. „Nicht aufzufinden“ war der Kommentar der Familienmitglieder und Freunde der Kinder, die sich alle an der Suche beteiligt hatten. Renate glaubte nicht das ihr Schützling weit weg gelaufen sei und bat die anderen im Haus zu bleiben. Und sie täuschte sich nicht. Im Garten stand ein zweckentfremdeter Hühnerstall und dort im aufgestapelten Holz saß er, zog sich bei Renates Näherkommen sofort in einen Hohlraum zurück. Aber sie hatte ihn entdeckt und war beruhigt. Er war klug. Er würde die ihm in seiner neuen Familie gebotenen Annehmlichkeiten beim Anblick der anderen Katzen schon erkannt haben.
Eine ganze Woche verbrachte Katerchen in dem Holzstapel. Renate stellte ihm das Futter hin. Er fraß, wenn sie wieder im Haus war. Nachts freundete er sich mit den anderen Katzen an, erfuhr einiges über seine neuen Futtergeber und streckte nach einigen Tagen bereits erwartungsvoll seinen Kopf aus dem Holzstapel hervor und zeigte seine Freude über das ihm so liebevoll zusammen gestellte Futter. Und dann, an einem Sonntagmorgen, die Familie hatte länger geschlafen, die Katzen saßen erwartungsvoll in der Küche und hofften, der Tag würde endlich beginnen, öffnete sich ganz langsam und leise die Katzenklappe und Katerchens Gesicht erschien. Von der Katzenbande herzlich willkommen geheißen setzte er sich mit ihnen in die Runde und als Renate die Küche betrat sah es so aus, als wäre er immer schon bei ihnen gewesen.  Sein Leben lang blieb Katerchen misstrauisch und vorsichtig, aber der  Familie gehörte sein Vertrauen.
Natürlich dauerte es eine Weile bis er sich rundherum in seiner neuen Familie mit all ihren Stärken und Schwäche wohl fühlte und sein Misstrauen ganz ablegte. Da war der Schlagzeug spielende Sohn, der auch noch dem Klavier und der Gitarre für Katzenohren viel zu laute Geräusche entlockte. Aber da auch Oma, Opa und ihr Hund Nicky immer wieder betonten, sie fänden es schön,  wenn die Jugend musiziert und sie mussten schließlich auch dieses Getöse über sich ergehen lassen,  lernte er, seine Ohren zuzuklappen und den Lärm an sich vorbei ziehen zu lassen. Das war beim Gekicher und Geschnatter der Freundinnen der Tochter oft schwieriger. Schließlich wollte er schon wissen, worüber sie sprachen, auch wenn die Tonlage oft schwierig zu ertragen war, für ihn als Kater.
Es wurde Februar. Renate lief schon den ganzen Tag aufgedreht durchs Haus und die Katzen glaubten, der den ganzen Tag vom Himmel fallende Schnee wäre Schuld daran. Das konnten sie verstehen. Sie selber rannten immer wieder Schneeflocken haschend durch den Garten, verfolgten ihre eigene Spur  und tobten über den zugefrorenen Teich. Nur um sich aufzuwärmen gingen sie ins Haus, schliefen einen kurzen Schlaf und rannten wieder hinaus. Das Lieblingsspiel, und das sollte auch in schneefreien Tagen lange so bleiben, war
“Bäume wechseln“. Das lernte ich leider nicht mehr kennen, weil einer der dafür unbedingt gebrauchten Bäume diesem furchtbaren Sturm in einem Januar vor meiner Geburt zum Opfer fiel. Aber die anderen haben mir erzählt, wie viel Spaß es gemacht hatte den Walnussbaum heraufzuklettern, oben angekommen zu warten bis eine andere Katze in der Blumenesche saß,  um dann gleichzeitig loszurennen, in der Mitte des Rasens sich zuzublinzeln und blitzartig den anderen Baum hochzuklettern. Bis zum Umfallen wurde diese Spiel gespielt und die Katzen freuten sich immer wieder über die bewundernden Ausrufe der Familie.
Schon seit dem frühen Nachmittag durfte Katerchen, der jetzt Luigi hieß, nicht mitspielen. Er wurde in einem der wenigen Zimmern im Haus festgehalten, aus dem man als Katze ohne menschliche Hilfe nicht heraus kam. Gemein, sagten alle. Zu früh vertraut, dachte Luigi.
Es war schon dunkel. Nicky wurde zusammen mit Luigi ins Auto gesetzt und Renate fuhr mit ihnen davon und am allerschlimmsten war, sie kam ohne die beiden  zurück.
Später klärte sich natürlich alles auf. Renate fuhr am selben Abend noch einmal davon. Diesmal blieb sie viel länger weg und die Erleichterung der Katzen war groß als sie ihre Kumpel begrüßen konnten, die beide sehr eigenartig durch den Raum torkelten. Für Alkohol verabscheuende Wesen ein eigenartiges Verhalten. Nicky wurde freudig von Oma und Opa in Empfang genommen, und der für eine Katze ungewöhnlich nasse Luigi fiel auf seinen Lieblingsschlafplatz auf Renates Kuscheldecke und schlief auch sofort ein.
Was war mit ihnen geschehen? Auch hier ist die Erklärung wieder sehr einfach. Renate war mit ihnen beim Tierarzt und sie sind kastriert worden. Kaum aus der Narkose wach keimte Luigis altes Misstrauen wieder auf und er nahm die erste sich bietende Gelegenheit wahr davonzurennen. Und Renate rannte hinterher, sozusagen über Stock und Stein. Sie umrundete Hecken, Zäune, betrat fremde Gärten, immer Luigis weiße Schwanzspitze im Auge, der einzige Anhaltspunkt in der Dunkelheit, der Gefahr lief, sich im Schnee zu verlieren. Sie stand erschöpft und mutlos in einem Hauseingang, hatte gerade ein Holzlager umrundet, in der Annahme, Luigi hätte sich dahinter verborgen und nun fand sie ihn nicht mehr. Sie dachte an Nicky, der im kalten Auto lag und bestimmt fror. Da entdeckte sie in einer offenstehenden Garage wieder die weiße Schwanzspitze. Vorsichtig näherte sie sich dem Ausreißer, sah ihm fest in die Augen, sprach leise, beruhigende Worte, erzählte von den zu erwartenden schönen gemeinsamen Tagen und Luigi blieb stehen, erwiderte ihren Blick und ließ sich auf den Arm nehmen und widerstandslos zum Auto tragen und würde nie mehr Misstrauen gegenüber seiner Familie empfinden.
Im Oktober als unsere kleine Kitty starb, Luigis langjährige Freundin und Begleiterin in glücklichen Stunden, verlor er seine Lebensfreude und sein Kumpel Carlito, der beste aller Baumstürmer, konnte ihn nicht trösten. Luigi glaubt, wir Jungen hätten jetzt alles von ihm gelernt, was zu lernen ist und er will zu Kitty und all den anderen, die ihn in seinem Leben begleitet haben, ins Regenbogenland und er steht schon auf der Brücke, sieht Kitty und die anderen winken und sieht dann uns mit großen Augen an, lässt es zu, dass wir ihm zärtlich mit der Zunge über den Kopf streichen und wir sagen ihm, geh nur Luigi, geh ganz ruhig und warte auf uns, eines Tages kommen wir auch und bis dahin werden wir noch viel Erleben, Spaß haben und lachen, aber wir werden dich nie vergessen.





Montag, 4. Mai 2009

Dienstag, 31. März 2009

Dienstag, 3. März 2009

Auf zur Leipziger Buchmesse



Hast Du gehört, unsere Menschen sagen "Auf zur Leipziger Buchmesse", da wird Renates Buch präsentiert. Das wollen sie sich live ansehen.



Sonntag, 22. Februar 2009

Erzählt wird aus heutiger Sicht aus den Zeiten der Vorwährungsreform mit Rückblick auf das Zusammenfinden der Familie, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus vielen Ländern Europas ins Ruhrgebiet kam, um dort Arbeit und Brot zu finden.





Leseprobe und Kommentare


 Anschaulich, ohne Umwege kommt die Autorin auf den Grund der Dinge. Hintergründig und mit Humor werden die Vorkommnisse geschildert, die viele Menschen in dieser Zeit erlebten. Der Leser erfährt von Hamsterfahrten, von einer Schnapsbrennerei, wie auf vielen Umwegen aus Wein ein Elektroherd wird, damit eine junge Ehefrau ihren Mann auch kulinarisch verwöhnen kann. Ein rundherum lesenswertes Buch, das immer den positiven Grundgedanken spüren läßt.



An einem regnerischen Tag, ich kam gerade vom Einkauf zurück, erhielt ich von unserer netten Briefzustellerin einen Brief in die Hand gedrückt. Ich legte ihn auf meinen Einkaufskorb, schloss die Haustür auf und schnitt erwartungsvoll den Umschlag auf. Wer schreibt in dieser hektischen Zeit , in der Ära der Emails noch mit der Hand und mit königsblauer Tinte Briefe? Der Absender auf dem Kuvert war verwischt, die Tinte verlaufen und unterzeichnet war er nur mit dem Vornamen. Seit den Glückwünschen zu den Geburten meiner Kinder hat mich nichts mehr so gerührt wie folgende Worte:

Vom Schneckentöter und anderem Wahnsinn – die Geschichte weckt soviel Emotionen.
Ich habe gelacht, geweint, nachgedacht, nachgespürt.
Soviel Mit-Leben, Mit-fühlen, Verständnis auch für unverständliche Situationen, Auf den Grund gehen, nicht nur Hinnehmen, sondern nach dem großen „Warum“ fragen.
Und nicht anklagen, vorwerfen sondern immer versuchen zu verstehen.
Soviel Liebe und Offenheit, Wärme und unsagbar viel Humor sprühen aus jeder Zeile.
Danke! Danke, dass ich daran teilhaben durfte.
Diese Geschichten haben auch bei mir einen Denkprozess in Gang gesetzt. Manche Dinge, Menschen, Geschehnisse konnte und wollte ich aus einem anderen Blickwinkel betrachten.
Und das ist das Schönste, was ein Buch bewirken kann.
Es hat mich tief gerührt, diese Geschichten lesen zu dürfen. Sie sind so echt, so nah. Jede Person eine ausgeprägte Persönlichkeit mit Ecken, Kanten, Brüchen.




Leseprobe 


Ein werdender Vater gerät in Panik


Begierig über die angedeutete Neuigkeit mehr zu erfahren betrat Hardy pünktlich das Weinlokal. Martin erwartete ihn bereits. Nachdem der Ober sich anderen Gästen zuwandte hoben beide ihr Glas, tranken einen Schluck des von Martin sorgfältig ausgewählten Weines, rutschten die Stühle näher an den Tisch heran und Hardy war bereit Martins Geschichte zu hören.
„Wo soll ich mit dem Erzählen beginnen?“.
„Mir sind die Geschichten die liebsten, die von Anfang an erzählt werden!“
„Hast du heute Abend viel Zeit?“
Hardy nickte ungeduldig.
„Schieß schon los!“
Er wollte endlich hören, weshalb Martin ihn in das exquisite Weinlokal eingeladen hatte.
„Als nach der Bildung der französischen Besatzungszone nach und nach die Verwaltungsleute aus Frankreich hier eintreffen ist ein Mann Namens Jean Claude dabei, der schweren Herzens seine junge Frau in einem Dorf der Bretagne zurück lässt. Sie versorgt mit Hilfe seiner Eltern das landwirtschaftliche Anwesen und lehnt es bis heute ab, Jean Claude nach Deutschland zu folgen, ein Land dessen Herrschafts-anspruch ihr den Vater, Bruder und Schwager raubte. Bekümmert über seine Einsamkeit stürzt Jean Claude sich auf die Arbeit, erledigt ohne Aufforderung Dritter alle anfallenden Aufgaben. Seine Einsamkeit ist nicht von Dauer. Schon bald verzaubert ihn der Anblick der blauäugigen blonden rheinischen Frauen, deren Nähe er immer häufiger sucht und die mit Humor und Fröhlichkeit sein Junggesellenleben abwechslungsreich und bunt gestalten. Nur die regelmäßig eintreffenden Briefe seiner Ehefrau holen ihn für kurze Zeit in die Wirklichkeit zurück. Aber sobald er die Haustüre hinter sich schließt und beschwingten Schrittes die wenigen Treppenstufen herunter läuft, die zur engen Gasse führen, die wiederum den Weg zum Rhein weist, hat er Frau und Eltern vergessen, die Fesseln aus einem anderen Leben. Der Mensch ist schon ein eigentümliches Wesen. Jetzt genießt Jean Claude zum ersten Mal die Freiheit. Keine Forderungen, keine Verpflichtungen! Nach Dienstschluss ist er sein eigener Herr! Und was macht der Dussel? Er unterliegt dem Charme einer schönen Frau, wird ihr Geliebter. Rosie besitzt auf dem ersten Blick alles, von dem ein Mann träumt, erst beim zweiten Blick erkennt der erfahrene Mann, hier ist Vorsicht geboten. Jean Claude gehört nicht zu den erfahrenen Männern. Sein einziges Streben ist sich zu amüsieren und dazu wünscht er sich die attraktive Rosie mit dem liebreizendsten Lächeln, das er jemals gesehen hat, an seine Seite. Rosie zieht, mit einem kleinen Koffer voll Wäsche und Kleidung, in seine Junggesellenwohnung ein, verändert weder die Anordnung der Möbel noch die Aufteilung seiner Schränke. Als er erkennt, das sich hinter dem anmutigen Lächeln eine unaufhörlich auf ihren Vorteil bedachte Materialistin verbirgt sucht er sein Vergnügen in neuen Gefilden und verliebt sich in die allein stehende Margarete. Er zieht von Rosie unbemerkt nach und nach, immer einen Wäschebeutel mehr mitbringend, in Margaretes Haus und überlässt Rosie seine Wohnung samt Inventar, hofft, dass er auf diesem Weg seine Ruhe vor ihr findet. Aber Rosie will mehr. Täglich hört er ihren Angriffen zu ohne auf den Sinn ihrer Worte zu achten.
Ihre wohltönende Stimme, selbst bei den größten Schimpftiraden verliert sich nicht im Missklang, und ihre gute Aussprache bringen ihn auf die Idee, sie in das nicht weit von Schloss Ernich liegenden Synchronstudio mitzunehmen. Seine Hoffnung erfüllt sich. Sie erhält kleine Sprechrollen, sieht bekannten Schauspielern bei der Arbeit zu und sonnt sich in ihrem Schatten. Er atmet auf, glaubt damit seine Freiheit und Ruhe erkauft zu haben. Aber Rosie gönnt ihrem Liebhaber nur eine kurze Verschnaufpause, in der er das ungetrübte Zusammensein mit Margarete genießt und bald schon wieder überdrüssig wird. Die Nächte mit ihr lassen ihn immer wieder zu neuen Höhen gelangen, aber am Tag ist sie ihm zu bieder, stellt zu wenig Ansprüche und er vergnügt sich wie in den ersten Monaten seines Aufenthaltes im Rheinland mit Frauen, die wie er nur für den Augenblick eine Ablenkung vom Alltag suchen. Sehnsüchtig wartet er auf seinen Jahresurlaub, kann es kaum erwarten die Stille der Landschaft seiner Heimat zu spüren. Sein Leben wird ihm zu aufreibend, die Stunden der Freiheit zu selten. Denn Rosie entdeckt, einer Frau ohne festen männlichen Begleiter bleiben zu viele Türen verschlossen und wer könnte sie ihr besser öffnen als ihr charmanter Jean Claude mit seinen zahlreichen Verbindungen. So hastet er zwischen den beiden Frauen hin und her, findet nur im Bureau die nötige Ruhe an seine Frau, von deren Existenz weder Rosie noch Margarete ahnen, die von ihr erwarteten Briefe zu schreiben. Als er kurz davor ist vor lauter Erschöpfung seinen deutschen Geliebten die Wahrheit zu sagen, beginnt sein Urlaub. Erleichtert packt er im Haus von Margarete seine Wäsche in den Koffer, verbringt eine letzte Nacht mit ihr, in der er in ihrem üppigen Körper für alle Zeit versinken möchte, ihr die Erfüllung all seiner Wünsche verspricht und macht sich auf den Weg in seine Wohnung. Im fahlen Morgenlicht erkennt er, dass seine Wünsche der vergangenen Nacht nicht zu erfüllen sind und er sein Leben verändern muss. Aber erst nach dem Urlaub. Er wird die Zeit brauchen, um Kraft zu schöpfen. Rosie arbeitet an diesem Tag und bis zu ihrer Heimkehr hat sich sein Entschluss gefestigt, dies wird die letzte Nacht sein, die er mit ihr verbringt und nach dem Urlaub wird er ihr von seiner Ehefrau erzählen.
Erleichtert über seine in aller Stille getroffenen Entscheidung begrüßt er Rosie so gut gelaunt und herzlich wie seit Monaten nicht. Sie lieben sich wild und leiden-schaftlich, erinnern sich gegenseitig an die ersten Tagen ihres Beisammenseins, erkunden ihre vertrauten Körper aufs Neue und Jean Claude glaubt, sich niemals mehr auch nur für einen Tag von ihr trennen zu können und sitzt dennoch am Morgen pünktlich im Zug, der ihn nach Hause bringen wird. Hätte er geahnt, was nach seinem Urlaub auf ihn zukommt, er wäre nicht wieder an seinen Schreibtisch zurückgekehrt.
Als Jean Claude beginnt mehr und mehr eigene Wege zu gehen gefällt Rosie das ausnehmend gut, denn niemand fragt sie nach ihrem Kommen und Gehen. Erst als sie feststellt, ihre Abwesenheit hinterlässt keine Lücke in Jean Claudes Leben, gerät sie in Panik. Sie fasst es nicht! Er vermisst sie nicht. Läuft gut gelaunt durch den Tag, fast wie von einer Last befreit. Klar und deutlich erkennt sie ihre Fehler und die leichtfertig aufs Spiel gesetzte Chance ihre Vorstellung der Lebensgestaltung mit Jean Claudes Hilfe zu verwirklichen. Sie ist nicht bereit auf ihn zu verzichten. Sie würde in Zukunft geschickter vorgehen, um ihn an sich zu fesseln und fordert nicht nur seine Begleitung zu Theaterbesuchen und den zahlreichen Einladungen zu Abendessen sondern sie lockt ihn mit ihrem bezaubernden Lächeln, das er so lange vermisste, in das gemeinsame Bett zurück.
In der Gewissheit, ihn mit jeder Faser seines Herzens und seines Verstandes zurück erobert zu haben, begleitet sie ihn leichten Herzens zum Bahnhof, winkt ihm in heiterer Gelassenheit hinterher, bis sein Zug ihren Blicken entschwindet und denkt schon an die Rückkehr und seine Freude, wenn sie ihm noch auf dem Bahnhof ins Ohr flüstert, dass sie sein Kind unter dem Herzen trägt. Dank Rosies Entschluss ihre Schwangerschaft bis nach Jean Claudes Urlaub geheim zu halten, verlebt er einen erholsamen Urlaub, indem er beschließt, um seine Versetzung nach Frankreich zu bitten, um endlich den Alltag an der Seite seiner Frau zu verbringen. Sie schweigt zu seinen Zukunftsplänen. Die Eltern stimmen begeistert zu.
Er steht am offenen Fenster des Zuges, der ihn ins Rheinland zurück bringen soll und sieht seine verhalten winkende Ehefrau auf dem Bahnsteig stehen, die mit jeder Sekunde kleiner und kleiner wird und er denkt daran wie groß die Freude sein wird, wenn er in Kürze für immer zu ihr zurück kehrt“.
Hardy prostet Martin grinsend zu,
„An manchen Tagen ist mir eine Frau schon zu viel. Aber drei? Wie soll das gut gehen?“
„Warte nur ab! Bisher waren die Zeiten rosig, auch wenn Jean Claude sich vor dem Urlaub überfordert fühlte. Jetzt gerät er in heftige Turbulenzen.
Rosie hat sich vorgenommen Jean Claude vom Bahnhof abzuholen, seine Hand auf ihren bereits rundlich werdenden Bauch zu legen, ihn verheißungsvoll anzulächeln und im Freudentaumel einen Heiratsantrag von ihm zu erhalten. Wäre es so gekommen, kein Mensch würde sich für die Geschichte interessieren oder gar weiter erzählen. Es kommt also alles anders. Es beginnt damit, dass Rosie während seiner Abwesenheit die Frau eines Botschaftsmitarbeiters trifft, der zu ihrem gemeinsamen Freundeskreis gehört. Unbekümmert erzählt sie von Jeans armer Ehefrau, die sich so liebevoll um die Schwiegereltern kümmert, den Hof versorgt, der vom ältesten Sohn, der als Pilot eines Jagdbombers von den Nazis abgeschossen wurde, übernommen werden sollte und für den Jean Claude von Jugend an kein Interesse zeigte. Rosie schweigt entsetzt. Was nun? Fieberhaft überlegt sie ihre weiteren Schritte. Ein neuer Plan entsteht!
Erleichtert stellt Jean Claude bei seiner Rückkehr fest, dass ihn niemand auf dem Bahnsteig erwartet. So bleibt ihm eine Galgenfrist. In seiner Wohnung erwartet ihn Rosie. Mit bleichen Wangen und tränenfeuchten Augen liegt sie im Bett. Besorgt fragt er nach der Ursache ihres Unwohlseins und mit leidender Miene erzählt sie ihm die in ihrer Phantasie entstandene Geschichte einer komplizierten Schwangerschaft, die sie ihm bisher verheimlichte, um ihm erst von dem freudigen Ereignis zu erzählen, wenn die Chance, dass sie das Kind austrage, ein bisschen größer sei.
Du kannst dir Jean Claudes Schreck vorstellen. Er betet Tag und Nacht, dass Rosie das Kind verliert. In ihrem gegenwärtigen Zustand wagt er nicht, seine Pläne in die Tat umzusetzen und er ist so naiv zu glauben, eine Fehlgeburt könnten ihn von allen Schwierigkeiten befreien. Selten war er so häuslich wie zu dieser Zeit, weicht kaum von Rosies Seite und die Bureaustunden fliegen an ihm vorbei. Geht er nach Hause, hat er bereits vergessen, womit er sich beschäftigte. Die Akten und unerledigten Schreiben bilden eine unüberwindliche Hürde, die ihn zu der Überzeugung kommen lassen, es ist sinnlos, sich damit zu beschäftigen. Kaum hat er sich mit einem Schreiben auseinandergesetzt, liegen bereits zwei neue in der überfüllten Ablage und warten darauf von ihm bearbeitet zu werden. Nur ganz Dunkel erinnert er sich daran, dass er in vergangener Zeit mit Leichtigkeit noch größere Stapel problemlos aufarbeitete. Er ist schon ein paar Wochen zu Hause und hat sich noch nicht bei Margarete gemeldet. Stündlich wächst sein Bedürfnis nach Trost und Zuwendung und er beschließt, sie sich bei ihr zu holen.
Du weißt, dieses Jahr ist ein fruchtbares Jahr. Die Baumblüte hat nicht nur den Augen etwas geboten, den Bienen Nahrung verschafft, Äpfel, Birnen und Pflaumen haben im Übermaß angesetzt, die Schwalbennester sind fast zu klein für den zahlreichen Nachwuchs und die Hühner haben beschlossen, nur Eier mit zwei Dottern zu legen.
Ahnst du, worauf ich dich vorbereite?
Du ahnst es nicht? Das kann nicht sein. Wo bleibt deine Phantasie?
Nachdem auf Jean Claudes klingeln niemand reagiert, zieht er den Schlüssel aus der Tasche, öffnet die Tür und betritt laut rufend die ihm vertrauten Wohnräume. Irgend etwas ist anders als bei seiner Abreise. Er stutzt. Anscheinend hat Margarete Besuch. Überall Unordnung. Fremde Dinge liegen herum. Ein eigenartiger ihm unbekannter Geruch vermischt sich mit dem vertrauten und zieht durch das Haus. Irritiert läuft er durch alle Räume bis er vor dem Schlafzimmer steht. Er klopft. Niemand antwortet. Mit dem Gefühl eines unbefugten Eindringlings drückt er vorsichtig die Klinke herunter und schiebt mit der anderen Hand zögernd die Tür auf. Frieden, denkt er beim Anblick der schlafenden Margarete. Erst dann erfasst er das Gesamtbild. Ein winziger Säugling liegt an ihrer entblößten Brust. Jean Claude braucht einen Augenblick, - wer will es ihm verdenken - um die Aussage der sich ihm bietenden Idylle zu verstehen. Leise, ganz leise schleicht er sich davon. Was hat er nur angestellt? Ist es noch möglich seine Pläne in die Tat umzusetzen. Wie soll er Margarete jetzt noch von seiner Ehefrau erzählen oder gar von Rosie und der schwierigen Schwangerschaft?
Kann er Rosie sein Verhältnis zu Margarete erklären und von dem Kind erzählen. Und wenn Rosie vor Gram ihr Kind verliert und ihn dafür verantwortlich macht?
Wo soll er mit der Aufarbeitung seines unsteten Lebens beginnen?
Kann er seiner Ehefrau zwei Kinder und ihre Mütter verschweigen?
Oder ist es besser zu beichten?
Seine Schritte führen ihn in die Botschaft. Er sitzt an seinem Schreibtisch, starrt auf die Ablage. Ein Brief seiner Ehefrau. Auch das noch! Langsam nimmt er ihn in die Hand, reißt den Umschlag auf und liest. Er liest zärtliche Worte, Sehnsucht nach dem in der Ferne weilenden Ehemann. Sie schreibt, wie begeistert sie von seinem Plan ist, nach Hause zu kommen. Komm bald! Ich brauche dich! Ich brauche dich, - - und dein Kind, dass du bei deinem letzten Besuch in meinen Bauch zurück gelassen hast, braucht dich ebenso!
Wie in Trance greift Jean Claude nach seiner Aktentasche, in der er in vergangenen unbekümmerten Tagen täglich sein Frühstück verstaute, nimmt die Briefe seiner Ehefrau, Margaretes Zettelchen, Rosies Liebesergüsse, die alle vom Chaos erzählen, zu dem er sein Leben werden ließ, packt sämtliche unerledigten Vorgänge dazu, legt Füller und Bleistift auf den leeren Schreibtisch, lässt seinen Blick wie ein Einbrecher, der nach den Spuren seiner Tat Ausschau hält, noch einmal durch das Zimmer streifen und nachdem er keine Anzeichen seiner langen Anwesenheit erkennt, schleicht er sich auf leisen Sohlen aus dem Gebäude.
Wie von einem Magnet angezogen läuft er an den Rhein, der sich unter einem Dunstschleier vor ihm versteckt, starrt reglos auf die undurchdringliche Nebelwand. Kälte und Nässe prallen an ihm ab. Ein zarter Windhauch öffnet für einen winzigen Augenblick den Nebel und gibt den Blick auf das Wasser frei. Zwei große geöffnete Hände strecken sich ihm aus dem Kamm einer Welle entgegen. Ihn kann nichts mehr verwundern. Er kommt der Aufforderung des Flusses nach und hebt seine Tasche hoch, wirft sie mit einer schwungvollen Bewegung in das Wasser und wendet sich vom Ufer ab. Endlich aller Last entledigt! Sein Schritt ist leicht und beschwingt. Ein hoffnungsvolles Lächeln erhellt seine seit Wochen bekümmerte Miene. Ohne weiter Überlegung setzt er sich in den nächsten Zug und fährt nach Frankreich“.
„Das ist ja unglaublich! Woher kennst du die Geschichte?“
„Nachdem Jean Claude verschwunden war, wandte sich Rosie an die Botschaft und geriet an einen Mitarbeiter, der von Jean Claudes Verhältnis zu Margarete wusste. Mit einem grinsenden Blick auf Rosies Bauch gab er ihr Margaretes Adresse mit dem Hinweis, dass der Freund seit einiger Zeit dort wohne. Zornentbrannt begibt Rosie sich auf den Weg und findet nicht ihren Geliebten, sondern seinen Sohn mit einer in sich ruhenden zufriedenen Mutter. Nachdem Rosies Zorn dem Mitleid für sich und Margarete gewichen war, setzen die Frauen sich zusammen, besprechen ihre Situation und wenden sich gemeinsam an die Botschaft, um Unterhalt für ihre Kinder zu fordern. So erfahre ich von der Angelegenheit. Die ganze Sache wird unter Verschluss gehalten. Sie ist allen peinlich und der Mitarbeiter, der Rosie zu Margarete schickte, bekam einen kräftigen Rüffel. Die Behörden haben schnell und unbürokratisch geholfen. Margarete hat offiziell ein verspätetes Kind ihres im Krieg vermissten Mannes bekommen. Rosie erhält Unterhalt von den Franzosen und Jean Claude ist in allen Ehren nach Frankreich versetzt worden und lebt unter Aufsicht seiner Frau. Ein gutes Ende scheint die Geschichte für die beiden deutschen Frauen zu bekommen. Die mütterliche Margarete hat sich bereit erklärt, Rosie unter ihre Fittiche zu nehmen. Sie zieht zu Margarete ins Haus. Es heißt, sie kommen gut miteinander aus und Rosie wird auch nach der Geburt des Babys problemlos weiter arbeiten können, Margarete wird für beide Kinder sorgen und ich stelle mich freiwillig zur Verfügung, regelmäßig nach dem Rechten zu sehen und wo männlich Hilfe gefordert ist, einzuspringen“.
Hardy grinste.
„Auf welche der beiden Frauen hast du ein Auge geworfen?“
Martin schmunzelte,
„Beide haben ihre Vorzüge“.
Für eine Weile verloren die zwei sich in ihren Gedanken. Erst als der Ober an den Tisch trat und eine neue Flasche Wein öffnete wandten sie sich wieder einander zu,
„Welch ein Glück, dass du mir das Gespräch mit dem Botschafter vermittelt hast und ich daraufhin endlich mein Geld bekommen habe. Wäre das bei dem Essener Stahlunternehmen doch auch so einfach. Da steht schon seit langem ein hübsches Sümmchen aus. Leider sind mir da die Kammerdiener unbekannt, und wie soll ich ohne ihre Hilfe bis zur Chefetage vordringen?“
Martin richtete sich auf und als er kerzengerade in seinem Stuhl saß, klopfte er sich auf die Brust,
„Was brauchst du fremder Leute Kammerdiener! Du hast doch mich! Wir werden denen zusammen schon Beine machen. Schließlich haben wir im Krieg unseren Arsch hingehalten, in einer Zeit, in der diese Unternehmen eindeutig auf unsere Knochen Gewinne in nie gekannten Dimensionen einsteckten. und jetzt ..? Jetzt halten sie es noch nicht einmal für erforderlich die Rechnungen kleiner Handwerker zu bezahlen! Das lassen wir uns nicht gefallen!“
Martin holte tief Atem, nippte an seinem Glas und bevor Hardy zu Wort kommen konnte redete er weiter,
„Da müssen wir hin! Einmal ordentlich Dampf machen. Die sollen sehen, dass man so mit einem guten deutschen Handwerker nicht umspringt“.
„ Wer weiß? Vielleicht sind die Rechnungen auch im Rhein gelandet - oder in der Ruhr?“
Hardy lachte,
„Vielleicht schwimmen sie bereits im Baldeney-See!“
und schon spannen die beiden konfuse Geschichten über weitere Taschen in deutschen Gewässern. Die Taschen verwandelten sich im Laufe des Abends in U-Boote, die in die Weltmeeren entschwanden, um abtrünnige Franzosen ihren Geliebten wieder-zuholen und hatten die beiden am nächsten Morgen auch die Einzelheiten ihrer im Weinrausch erlebten Abenteuer vergessen, Martins Versprechen, Hardy beim Eintreiben offenstehender Rechnungen beizustehen, hatte Bestand und schon an Martins nächstem freien Tag begaben sich beide auf den Weg.
Selbstbewusst, sich ihres Erfolges sicher, betraten Martin und Hardy das Bürogebäude des Großkonzerns und kämpften sich bis zu Hardys Ansprechpartner durch. Kopfschüttelnd erklärte er sich für nicht zuständig und verwies sie an den nächsten Mitarbeiter und ein Hindernislauf begann. Sie wurden von Zimmer zu Zimmer geschickt, von nicht Zuständigen an nicht Entscheidungsbefugte verwiesen, erläuterten jedes Mal von Anfang an den Grund ihres Erscheinens und nachdem Hardy zum xten Male den selben Text aufgesagt hatte, entstand für einen kurzen Moment die Gefahr, dass er beim Anblick der Größe seines Kunden und die Macht, die er demonstrierte, sein Selbstvertrauen verlor. Aber Martin bemerkte die drohende Unsicherheit, boxte ihm freundschaftlich in die Seite,
„Nicht aufgeben. Das ist alles Taktik. Wir werden uns von den Schreibtisch-Fritzen nicht von unserem Vorhaben abbringen lassen!“ und gemeinsam betraten sie das nächste Büro. Das große Zimmer war unauffällig möbliert, bis zum Schreibtisch mussten sie einige Schritte mehr gehen als in den bisher von ihnen aufgesuchten Räumen und bevor die üblichen Fragen von dem herablassend auf sie blickenden Geschöpf „Mann im Kaschmiranzug mit gepunkteter Fliege“ gestellt werden konnten traten sie forsch an den Schreibtisch, grüßten höflich zurückhaltend,
„Sie wissen weshalb wir hier sind!“
„Ihre Leute haben sie bereits unterrichtet und deshalb bedarf es keiner weiteren Erklärungen! Wir bleiben solange in ihrem Büro, bis sie einen Scheck über die gesamte fällige Summe ausgestellt haben!“
„Sie können ihre und unsere Zeit sparen indem sie auf weitere Fiesematenten verzichten! Sollten sie auch noch zu den kleinen Fischen in diesem Unternehmen gehören, was wir beim Anblick ihres Büros nicht glauben, so sehen sie zu, dass sofort der für diesen Missstand Verantwortliche hier erscheint“.
und innerhalb von zehn Minuten war die Angelegenheit geklärt, die Rechnungen bezahlt.
„Alles Berechnung“, stellte Martin fest, „mit den Kleinen können sie es ja versuchen“.


Hardy arbeitete gern. Bis ins hohe Alter wird er sich von technischen Problemen dazu herausfordern lassen nach Lösungen zu suchen, die er mit nachlassender Sehkraft mit Hilfe seiner Kinder und Enkel umsetzt, aber der Kampf, sein wohlverdientes Geld auch zu erhalten, zermürbte ihn. Vollkommen überfordert suchte er nach einem anderen Weg seinem Tatendrang beim Anblick der immer noch zerstörten Städte nachzugehen, seine unerschöpflichen Ideen bei technischen Verbesserungen umzu-setzen und weiterhin in schwierigen Situationen am Bau mit brauchbaren Lösungen aufzuwarten, ohne sich über fehlende Einnahmen sorgen zu müssen.
Hanna Elisa zog sich immer mehr in ihre Gedankenwelt zurück, verbrachte viele Stunden in Hardys Werkstatt, in denen sie schweigend den Gesellen beim Schweißen und Löten zusah, genoß den Duft von Karbid, der ihr interessanter erschien als der des teuersten Parfüms, versuchte Hardys Lehrlingen nachzueifern, wenn sie aus geraden Rohren Krümmungen und Biegungen herstellten, kramte in den mit kleinen Messingteilen gefüllten Blechkisten, den wertvollen Resten der Kupferrohre. Spielte stundenlang. Vergaß die Zeit. Bis Hardy von einer Baustelle eilend sie aus ihrer Versunkenheit riß und ungeduldig aus der Werkstatt wies,
"Viel zu gefährlich für ein Kind".
Kaum fühlte sie sich für einen Augenblick unbeobachtet schlich sie sich wieder hinein, nahm Karbid aus Hardys Vorrat, kletterte auf das flache Dach, warf das Karbid in die Pfützen, die sich bei Regenwetter bildeten. Hier oben, so nah am Himmel, konnte Jesus und die Jungfrau Maria sie nicht übersehen und vom Zischen und Brodeln der Pfützen aufmerksam gemacht, würden sie endlich ihre Bitten erhören und Hardy ausreichend Geld verdienen lassen, damit er seine Familie ernähren und auch die letzten offenstehenden Rechnungen bezahlen könnte.
Immer häufiger weckte Hanna Elisa mit ihren Schreien, die sie im Schlaf ausstieß, die besorgten Eltern. Lilli nahm das Kind in die Arme, legte sie in ihr Bett, nahm das zarte Gesicht zwischen ihre Hände, ließ sie die eigene Körperwärme spüren, sprach beruhigende Worte. Hanna wachte auf, sah ihre Mutter beruhigt an und schlief weiter, beschützt und behütet. Wenn Lilli am nächsten Morgen fragte,
"Kannst du dich an deinen Traum erinnern, an deinen Schrei?" erhielt sie immer wieder die selbe Antwort,
„Ich laufe mit Frederikes Vater durch eine riesige Eis- und Schneewüste. Die Schneeberge sind höher als die Eisschollen auf dem Rhein. Aus den Ritzen schauen uns kleine Tiere und Kinder mir riesengroßen Augen an, die hastig ihre Köpfe in den Schneeberg zurückziehen sobald wir uns nähern. Herr Güttes erzählt mir, so war es auch auf dem langen Weg, den er in Rußland zu Fuß gehen musste.
Der Kampf um die Weltherrschaft war schon lange verloren, trotzdem kämpften sie weiter und erreichten fast Moskau. Aber dreißig Kilometer vor der Stadt gerieten sie in einen Schneesturm. Der Schneesturm und Minustemperaturen von fünfzig Grad zwangen sie zur Aufgabe ihres aussichtslosen Tuns. Ohne Winterkleidung, ohne Lebensmittel lief er orientierungslos durch die Landschaft. Er besaß nur eine Pistole und ein paar Kugeln. Er irrte solange durch die weite Schneelandschaft, bis er ein kleines Bauernhaus erreichte. Den Bauern zwang er mit gezogener Waffe dazu, ihn bis zur nächsten Stadt zu begleiten. Drei Tage und Nächte liefen sie stumm nebeneinander her, in denen Herr Güttes nicht schlafen durfte, sonst hätte der Bauer, der genauso hungerte und fror wie er, ihn umgebracht, um endlich nach Hause zurückkehren zu können. Herr Güttes fand mit der Hilfe des Bauern ein deutsches Lazarett, in dem man seine abgefrorenen Zehen behandelte. Nach endlos erscheinenden Monaten kam er nach Deutschland zurück und erfuhr, dass seine Frau an einer Infektionskrankheit gestorben war, gegen die es keine Medikamente gab und ihr kleines Mädchen von einer verwitweten Cousine versorgt wurde, die die kleine Frederike ihrer eigenen Tochter als eine Leihgabe des lieben Gottes vorstellte. Aus der Leihgabe wurde ein Geschenk, denn die vier wurden eine glückliche Familie und trotz der abgefrorenen Zehen lief Herr Güttes oft mit seinem Frettchen in den Wald, um mit der Hilfe des possierlichen Tierchens den Sonntagsbraten zu besorgen. In den kalten Stunden der Vergangenheit hatte er sich geschworen, seine Familie und er würden nie wieder hungern. Er spräche der Obrigkeit das Recht ab, ihm zu verbieten, sich am reichhaltigen Wildbestand deutscher Landschaften zu bedienen. Ihre Gesetze und Entscheidungen seien keinen Pfifferling wert! Während Herr Güttes spricht, laufen wir weiter durch die weiße Wüste, die ständig ihr Aussehen verändert. Jetzt erkenne ich einige der Tiere, es sind Kaninchen, Hasen und Rehe. Kinder mit den großen Augen versuchen sie zu fangen, aber die Tiere sind schneller und mit kraftlos herunter hängenden Armen gucken sie den flinken Tieren hinterher. Mit einem Mal läuft Herr Güttes, ohne mich zu beachten mit seinem Frettchen davon,
„Wartet auf mich Ich komme, ich komme und helfe euch satt zu werden!“
und während seine Worte in der Ferne verklingen stehe ich alleine in der eisigen Nacht, ohne Schuhe, nur mit einem Nachthemd bekleidet. Die Füße schmerzen beim Berühren des hart gefrorenen unebenen Bodens. Die Schneeberge werden höher und höher. Kein Baum weist mir den Weg, keinem Tier kann ich meine Zuneigung zeigen, gespenstisch still ist die Nacht, nur der Wind beklagt seine Einsamkeit und treibt mich durch einen engen düsteren Hohlweg, der sich unversehens verwandelt. Die Schneeberge weichen einige Meter zurück und ich erkenne, ich stehe am Ende unserer Gasse am Rhein, gewaltige Eisschollen schwimmen über das Wasser und immer noch herrscht vollkommene Stille. Mein Blick fällt auf das andere Ufer und ich sehe, dunkle Massen lösen sich aus dem Dickicht und bewegen sich über die Eisschollen hinweg auf mich zu. Jetzt strömt auch das Wasser unter dem Eis hervor und nähert sich mit großer Geschwindigkeit unserer Gasse. Durch mein dünnes Nachthemd spüre ich schon die Feuchtigkeit, die von ihm aufsteigt und die Kälte noch unerträglicher werden lässt.
Ängstlich wende ich mich um. Mein Herz pocht heftig wie noch nie zuvor in meinem Leben. Der obere Teil der Gasse verschwindet in den Eis- und Schneebergen aus denen sich bizarre dämonische Gestalten lösen, die langsam und still heran rücken und mit jedem Meter, den sie sich nähern, schauriger erscheinen.
Bewegungslos bleibe ich stehen, unfähig einen Schritt zu gehen, kann nur den Kopf drehen, sehe auf der einen Seite das Eis des Flusses, dessen Vertrautheit mir abhanden gekommen ist mit den unbekannten Dämonen, die mich bald erreichen werden, auf der anderen Seite die fremden mysteriösen Lebewesen durch deren Gebärden ich mich bedroht fühle. Ich durchbreche die Stille und schreie. Ich schreie so laut ich kann und dann kommst du und weckst mich auf."
Lilli nahm ihre Tochter in den Arm,
"Wenn du heute Abend vor dem Einschlafen im Bett liegst, dann stellst du dir deinen Traum vor, jede Szene so, wie du dich erinnerst. Am Ende, wenn du wie angewachsen in der Gasse stehst und das Gefühl hast, du kannst keinen Schritt laufen, denke ganz fest daran, in deinen Träumen kannst du fliegen! Du hebst von der Erde ab, wann immer du willst. Du schwebst durch die Luft über das Wasser allen feindlichen Gestalten, der Kälte, deinen Ängsten, in Wärme und Geborgenheit davon. "
Hanna Elisa sah ihre Mutter erstaunt an, träumte sie auch von schlechten Begebenheiten und garstigen Wesen? Woher wusste sie, wie man ihnen entkam? Zusammen holten sie den Atlas hervor, suchten in der riesigen Sowjetunion Moskau und sprachen von dem Wahnsinn, so viele Menschen, nur notdürftig ausgerüstet und verpflegt auf den weiten Weg zu schicken und von den zahllosen Opfern, der dieser Wahnsinn forderte. So viele Freunde und Feinde waren verletzt oder tot auf dem langen Weg durch das Land zurück geblieben und welch unbeschreiblich phantastisches Glück Herr Güttes hatte, den weiten Weg nach Hause durch Rußlands Schnee und Kälte zurückzufinden.
Schon in der nächsten Nacht träumte Hanna ihren Traum und es gelang ihr, sowie Lilli es ihr geschildert hatte, ihren Verfolgern zu entkommen. Zögernd hatte sie sich in die Luft begeben und sie wird diesen Traum noch oft träumen, aber immer wird es ihr gelingen, frei und unbeschwert davon zu schweben und schon bald wendet sie ihr Gesicht zur Erde und lächelt selbstbewusst allen noch so mysteriösen und bizarren Gestalten zu. Sie hat jede Angst vor Träumen verloren.


Nur die Ängste des Tages dauerten an. Hardy und Lilli waren oft betrübt, spielten nicht mehr mit den Kindern. Selbst Till, der Clown konnte sie nicht zum Lachen bringen. Fremde Menschen gingen mit ernster geschäftlicher Miene durchs Haus und durch die Werkstatt, sahen sich die Maschinen an, nickten bedächtig und verschwanden wieder.
Die Freunde der Sonntagsausflüge zogen sich zurück. Nur Gabriel und Lotti kamen an ihren freien Tagen weiter regelmäßig zu Besuch, nahmen die Kinder an die Hand und verschwanden für ein paar Stunden mit ihnen. Sie vergnügten sich auf Rummelplätzen, fuhren mit ihnen nach Bonn, aßen in der neuen italienischen Eisdiele ein Eis, um für ein Weilchen der Traurigkeit zu entfliehen.


Als der Winter kam suchte Hanna an vielen unfreundlichen Tagen vergeblich ihre Mutter. Einmal fand sie sie. Da saß sie bei Frau Güttes und weinte.


Die Kinder spürten Veränderungen, aber niemand redete mit ihnen, auf ihre ungestellten Fragen erhielten sie keine Antwort.


Der Frühling des Jahres 1956 kam. Niemand sprach von der zu erwartenden Baumblüte. Hardy packte seine Koffer, setzte sich in seinen Mercedes D 170, der Opel Kadett war vor einiger Zeit verkauft worden, und fuhr seiner Familie ins Ruhrgebiet davon.


Ein anderes Leben begann.